Ein Ast auf dem Trail, ein Fahrrad, das vor dem Café umkippt, oder ein Schlag von unten: Das E-Bike-Schaltwerk bekommt schnell etwas ab. Es hängt offen an einer der empfindlichsten Stellen des Fahrrads. Trotzdem hat sich die Konstruktion gehalten, weil sie wenig wiegt, effizient arbeitet und sich vergleichsweise einfach reparieren lässt. Bei der E-Bike-Schaltung wächst die Zahl der Alternativen inzwischen deutlich – doch nicht jede neue Lösung macht das Schaltwerk überflüssig.
Das Schaltwerk bekommt Konkurrenz
Seit Jahrzehnten gehört das Schaltwerk zum vertrauten Bild eines Fahrrads. Hinten sitzt die Kassette mit mehreren Ritzeln, darunter bewegt das Schaltwerk die Kette von Gang zu Gang. Die Kettenschaltung ist leicht, effizient und weit verbreitet. Alternativen sind allerdings nicht neu: Getriebenaben kommen seit Jahrzehnten ohne außenliegendes Schaltwerk aus.
Neue Möglichkeiten durch Elektronik
Beim E-Bike kommen dagegen neue Möglichkeiten hinzu: Motor, Sensoren und Software sind ohnehin an Bord. Dadurch lässt sich die Schaltung stärker in den Antrieb integrieren – bis hin zu Systemen, die Motor und Getriebe in einer Einheit verbinden. Ein großer Vorteil davon: Eine Kettenschaltung muss nicht zusätzlich die Motorkraft übertragen, was häufig zu deutlich höherem Verschleiß führt.
Im Kern gibt es zwei Ansätze. Bei Systemen ohne Schaltwerk wandert das Getriebe entweder zum Motor oder in die Hinterradnabe. Beim zweiten Ansatz bleibt die klassische Kettenschaltung erhalten; nur der Gangwechsel wird automatisiert. Welche dieser beiden Richtungen sich stärker durchsetzt, lässt sich derzeit nicht seriös sagen, da direkt vergleichbare Marktanteile fehlen.
Pinion, Valeo, Owuru und Avinox MG Concept: Das Getriebe wandert zum Motor
Bei Motor-Getriebe-Einheiten sitzen Motor und Getriebe gemeinsam in einem Gehäuse als Mittelmotor am Tretlager. Das Konzept wird meist mit MGU abgekürzt, was für Motor Gearbox Unit steht. Kassette und Schaltwerk können dadurch entfallen.
Pinion MGU sorgt erstmals für großen Hype
Das wohl prominenteste Beispiel ist die Pinion MGU mit neun oder zwölf Gängen, die zum Launch im Sommer 2023 für viel Aufsehen sorgte. Pinion nennt 568 beziehungsweise 600 Prozent Übersetzungsbandbreite. Gemeint ist damit, wie weit leichtester und schwerster Gang auseinanderliegen. Die Kraftübertragung zum Hinterrad übernimmt eine Kette oder ein Riemen.

Die Antriebe finden sich sowohl an Trekking-E-Bikes als auch an sportlichen E-MTBs. Weil Motor, Getriebe und Steuerung eng zusammenarbeiten, sind zusätzliche Automatikfunktionen möglich. Pinion kann beispielsweise beim Anhalten einen passenden Startgang einlegen, abhängig von der Geschwindigkeit einen Gang vorwählen oder auf Wunsch komplett selbstständig schalten.
Valeo Cyclee
Valeo verfolgt mit Cyclee denselben Grundgedanken, setzt aber auf sieben feste Gänge. Der 48-Volt-Mittelmotor arbeitet mit einem integrierten Getriebe. Valeo nennt bis zu 130 Newtonmeter Drehmoment und eine Automatik, die sich an die Fahrsituation anpasst. Auch hier ist kein klassisches Schaltwerk nötig.
Der Antrieb war tatsächlich schon vor dem Durchbruch der Pinion MGU auf dem Markt, hat sich im klassischen E-Bike-Markt aber nie richtig durchgesetzt. Der Antrieb wird heute eher in Nischenrädern wie dem FUELL Flluid-2/2S oder in Cargobikes von Mubea verbaut.
Owuru: E2 Drives & Decathlon
Einen anderen Weg geht Decathlon zum Beispiel beim BTWIN LD 920 E mit dem Owuru-Antrieb. Statt fester Gänge arbeitet die Übersetzung stufenlos. Der Fahrer wählt seine gewünschte Trittfrequenz, und das System passt die Übersetzung automatisch an. Decathlon nennt 65 Newtonmeter Drehmoment und eine Bandbreite von 265 Prozent. Der Übersetzungsbereich ist damit deutlich kleiner als bei Pinion und damit hauptsächlich für Citybikes interessant.
Der Owuru-Motor wurde ursprünglich von E2 Drives in Belgien entwickelt und ab 2020 gemeinsam mit Decathlon zur Serienreife gebracht. E2 Drives gehört mittlerweile zu Decathlon.
Avinox MG Concept: Der nächste Hype?
Auch das Avinox MG Concept verbindet Motor und Getriebe in einer Einheit. Das auf der Eurobike 2026 vorgestellte System soll laut Hersteller in unter 0,1 Sekunden schalten. Bislang ist es allerdings ein Konzept und nicht Teil des regulären Avinox-Serienantriebs.
Die Feature-Liste der ersten Vorstellung ist allerdings lang: 150 Nm Drehmoment, bis zu 1.500 W Leistung und genau wie Owuru soll es eine stufenlose Übersetzung geben. Die Übersetzungsbandbreite ist mit rund 520 Prozent geplant, weshalb sich der auf dem M2S basierende Antrieb auch für höhere Aufgaben qualifizieren würde. Nach der großen Erfolgsgeschichte der Avinox-Antriebe im E-MTB-Bereich, könnte Avinox mit dem MG Concept der nächste große Wurf gelingen.
Enviolo und Rohloff: Das Getriebe sitzt in der Hinterradnabe
Ein schaltwerkfreier Antrieb funktioniert auch ohne MGU. Bei einer Getriebenabe sitzt das Getriebe im Hinterrad. Solche Systeme eignen sich besonders für City-, Trekking- und Cargo-E-Bikes, weil die Technik gekapselt und somit besser vor Schmutz sowie Stößen geschützt ist.
Enviolo und Rohloff liefern dabei nur die Schaltung, nicht den E-Bike-Motor. Beide können zum Beispiel mit einem Bosch-Mittelmotor kombiniert werden. Mit eShift lassen sich dann Schaltvorgänge mit dem Antrieb abstimmen.
Enviolo AUTOMATiQ schaltet stufenlos
Die Enviolo AUTOMATiQ arbeitet stufenlos. Der Fahrer gibt eine gewünschte Trittfrequenz vor, und die Nabenschaltung passt die Übersetzung automatisch an. Kassette und Schaltwerk entfallen.
Rohloff: Klassiker mit 14 Gängen
Rohloff setzt dagegen auf 14 feste Gänge. Die Nabenschaltung Speedhub 500/14 bietet laut Hersteller 526 Prozent Übersetzungsbandbreite. Für die Speedhub gibt es die elektronische Schaltansteuerung E-14 2.0. In Verbindung mit dem Bosch Smart System bietet diese seit dem Modelljahr 2026 auch Automatikfunktionen.

Bei beiden Lösungen sitzt das Getriebe im Hinterrad, was dort das Gewicht erhöht. Eine MGU bündelt Motor und Getriebe dagegen zentral am Tretlager.
Shimano und SRAM: Das Schaltwerk wird nur smarter
MGUs und Getriebenaben kommen ganz ohne klassisches Schaltwerk aus. Shimano und SRAM entwickeln die Kettenschaltung allerdings ebenfalls gezielt weiter – und bauen auf Automatikfunktionen. Gerade im sportlichen E-MTB-Bereich zeigt sich: Automatik und Schaltwerk schließen sich nicht aus.
Shimano AUTO SHIFT
Shimano AUTO SHIFT nutzt bei kompatiblen Shimano-E-Bike-Antrieben Daten wie Trittfrequenz, Drehmoment und Geschwindigkeit, um automatisch den passenden Gang zu wählen. FREE SHIFT ermöglicht zusätzlich Gangwechsel, ohne dass der Fahrer treten muss. Di2 ist Shimanos elektronische Schalttechnik. Ein kleiner Elektromotor bewegt das Schaltwerk, womit ein klassischer Schaltzug entfällt.
SRAM Eagle Powertrain
Beim SRAM Eagle Powertrain wird die klassische Kettenschaltung ebenfalls automatisiert. Auto Shift wählt selbstständig den Gang. Coast Shift ermöglicht zusätzlich Schaltvorgänge beim Rollen, auch wenn der Fahrer gerade nicht tritt. Geschaltet wird weiterhin mit der Eagle Transmission, zu der unter anderem Kassette, Kette und das außenliegende Schaltwerk gehören. Das Schaltwerk ist hier also kein Relikt, sondern Teil eines modernen, softwaregesteuerten Antriebs.
Warum alternative Getriebe zum E-Bike passen
Gerade E-Bikes schaffen gute Voraussetzungen für alternative Getriebekonzepte. Interne Getriebe sind oft schwerer als eine leichte Kettenschaltung. Bei einem ohnehin schwereren E-Bike fällt dieser Unterschied prozentual deutlich weniger ins Gewicht und wird ohnehin vom Antrieb kompensiert.
Je nach System liegen zusätzlich Sensordaten an, um Gangwechsel zu koordinieren, die Motorlast kurz zu reduzieren oder automatisch den passenden Gang zu wählen.
Im Alltag kommen praktische Vorteile hinzu: Gekapselte Getriebe sind vor Schmutz, Wasser und Stößen besser geschützt. Ein Riemen braucht kein Kettenöl, eine MGU braucht tendenziell deutlich weniger Wartung. Pinion gibt zum Beispiel lediglich einen Ölwechsel alle 10.000 km an.
| System | Technik | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Pinion MGU | MGU | 9 oder 12 Gänge, bis 600 % |
| Valeo Cyclee | MGU, stufenlos | 7 Gänge, bis 130 Nm |
| Owuru / LD 920 E | MGU | 265 % Bandbreite |
| Avinox MG Concept | MGU, stufenlos | Schaltzeit 0,1 s |
| Enviolo AUTOMATiQ | Nabengetriebe | automatische Trittfrequenz |
| Rohloff Speedhub + E-14 | Nabengetriebe | 14 Gänge, 526 % |
| Shimano Di2 | elektr. Kettenschaltung | Schalten ohne Pedalieren |
| SRAM Eagle Powertrain | elektr. Kettenschaltung | Schalten ohne Pedalieren |
Preis, Gewicht, Effizienz und Service: Warum das Schaltwerk bleibt
Das klassische Schaltwerk hat jedoch weiterhin starke Argumente auf seiner Seite. Eine moderne Kettenschaltung ist leicht und arbeitet effizient. Ersatzteile, Werkzeug und Werkstattwissen sind weit verbreitet, Reparaturen somit in fast allen Werkstätten möglich.
Auch bei der Übersetzungsbandbreite hat die Kettenschaltung keinen grundsätzlichen Nachteil. Aktuelle Zwölffach-Kassetten von Shimano und SRAM erreichen je nach Ausführung 510 beziehungsweise 520 Prozent.
Bei stark integrierten Systemen ist die Bindung an den Hersteller deutlich größer. Reparaturen können spezielle Diagnosewerkzeuge oder geschulte Servicepartner voraussetzen. Auch Gewicht, Reibung und Elektronik spielen eine Rolle.
Getriebenaben bringen zusätzliche Masse ins Hinterrad, bei internen Getrieben kann je nach Bauart und Gang mehr Reibung entstehen. Automatiksysteme benötigen außerdem zusätzliche Elektronik und Software. Dadurch werden Updates und langfristige Unterstützung durch den Hersteller wichtiger.
Ein pauschaler Aufpreis für MGU-Systeme lässt sich zwar kaum seriös beziffern, weil sie in sehr unterschiedlich ausgestatteten E-Bikes zum Einsatz kommen. Tendenziell ist die klassische Kombination aus Mittelmotor und separater Kettenschaltung derzeit aber oft noch günstiger, vor allem weil Motoren und Schaltkomponenten in großen Stückzahlen produziert werden und sich flexibel kombinieren lassen. Wie groß der Preisunterschied tatsächlich ausfällt, hängt jedoch stark vom jeweiligen Bike und dessen übriger Ausstattung ab.
Fazit: Das Schaltwerk bleibt, Alternativen kommen trotzdem
Das Schaltwerk steht damit keinesfalls vor dem Aus. Ersatzteile für klassische Kettenschaltungen sind in den meisten Teilen der Welt weit verbreitet, die Technik ist bewährt. Für Fahrer, die wenig Wartung und viel Schaltkomfort wollen, sind Getriebenaben oder MGUs trotzdem interessant. Solche Lösungen finden sich bei Trekking-, Cargo- und auch E-MTB-Konzepten. Shimano und SRAM zeigen zugleich, dass sich auch die klassische Kettenschaltung weiterentwickeln lässt. Welche Lösung sich in welcher E-Bike-Klasse wohl langfristig durchsetzt, bleibt offen. Klar ist, dass unterschiedliche Anforderungen auch unterschiedliche Lösungen erfordern. Auf vier Rädern ist schließlich auch nicht jeder mit einem Dodge RAM oder einem Smart unterwegs.












