Bosch hätte auf die neuen 150-Nm-Antriebe der Konkurrenz mit noch mehr Leistung antworten können. Stattdessen präsentiert der Marktführer erstmals einen eigenen Nabenmotor, kleinere Akkus und neue Sicherheitsfunktionen. Das könnte für viele Alltagsfahrer wichtiger sein als das nächste Drehmoment-Rekordrennen.
Bosch schließt mit der HubLine eine wichtige Lücke
Viele Beobachter hatten erwartet, dass Bosch auf die immer stärkeren Antriebe der Konkurrenz mit einem neuen Flaggschiff-Motor reagieren würde. Doch stattdessen rückt eine auf den ersten Blick unspektakuläre Entwicklung in den Mittelpunkt: Mit der HubLine bringt Bosch erstmals einen eigenen Nabenmotor auf den Markt. Mit 45 Nm fällt dessen Leistung vergleichsweise moderat aus. Die eigentliche Botschaft dahinter könnte jedoch eine andere sein.

Neuer Heckmotor für urbanes Publikum
Denn wer über die Erwartungen nach einer Antwort auf die 150 Nm der Avinox M2S-Antriebe hinwegsehen kann, erkennt hier einen smarten Schachzug. Noch immer fahren die meisten hochklassigen E-MTB mit der Bosch Performance Line CX, die nach einem Update auch 120 Nm Drehmoment bringt. Bei Bosch ist es häufig die Software und Qualität, die mehr überzeugt als ein paar Newtonmeter mehr.
Einen stilleren, aber nicht minder spannenden Konkurrenzdruck gibt es in einem anderen Segment: Urban-E-Bikes, also Räder, die möglichst schlank und dennoch praktisch für den Alltag sein sollen, werden zunehmend von Low-Budget-Herstellern angeboten.
Manche Käufer wünschen sich inzwischen E-Bikes, die optisch kaum von klassischen Fahrrädern zu unterscheiden sind und trotzdem moderne Komfortfunktionen bieten. Meist setzen sie auf einen Heckmotor, wodurch der Rahmen noch filigraner gestaltet werden kann.

Bosch stattet HubLine mit vollem Funktionsumfang aus
Bosch konnte mit seiner Active Line bisher zwar seine Mittelmotoren an etliche City-E-Bikes bringen. Schlankere, urbane E-Bikes waren jedoch seltener. Mit der Vorstellung der HubLine öffnet sich der Marktführer hier für ein neues Segment.
Die HubLine soll die von Bosch gewohnte Qualität und vor allem eine volle Integration in das smarte System und die hauseigene App „eBike Flow“ bringen. Dazu gehören auch Diebstahlschutz, Navigation und die Personalisierung der Fahrmodi.
Neues Display und besserer Diebstahlschutz für den Alltag
„Weniger ist mehr“ gilt ebenfalls für das neue Intuvia-Display. Statt auf viele Farben und Spielereien setzt Bosch hier auf ein simples Graustufen-Display, das in jeder Situation klar lesbar sein soll. Die Helligkeit passt sich automatisch den Lichtverhältnissen an.
Der neue LED-Controller – eine Bedieneinheit am Griff – ist bei gleichem Funktionsumfang deutlich kleiner geworden. Damit bedienen die Neuvorstellungen insgesamt genau das urbane, cleane Design, für das die HubLine wie gemacht scheint.
Außerdem sorgt ein neues Connect Module dafür, dass gestohlene E-Bikes besser geortet werden. Die BLE-Technik (Bluetooth Low Energy) soll E-Bikes auch dort orten können, wo GPS nicht mehr funktioniert.

Neue Akkus mit 360 und 720 Wh
Auch bei den Akkus erweitert Bosch sein Portfolio um kompaktere Lösungen. Die neue 360-Wh-PowerTube ist mit einem Durchmesser von unter 7 cm der kompakteste Energiespeicher des Herstellers und wohl eher für die alltäglichen Kurzstrecken gedacht.
Zusätzlich stellt Bosch einen 720 Wh starken Akku vor. Damit deckt der Hersteller nun Kapazitäten von 360, 540, 600, 720 und 800 Wh ab. Die neuen Akkus lassen sich sogar aus der Ferne mittels Battery Lock bei Diebstahl sperren.

Active Line mit 60 Nm: Weitere Neuerungen im unteren Segment
Nicht nur schlanke, urbane E-Bikes bedient Bosch mit seinen Neuvorstellungen, sondern auch die Fahrer herkömmlicher City-E-Bikes. Bosch stellt seine neue Active Line vor. Diese bekommt nun mit 60 Nm so viel Drehmoment wie einst die Performance Line und bietet damit eine Unterstützung von 340 %.
Für einen City-E-Bike-Motor sind das bereits ziemlich hohe Werte, doch die Verbesserungen liegen ebenfalls in der Bauart: Mit 2,7 kg wiegt die Active Line ein halbes Kilo weniger als ihr Vorgänger und auch in der Größe ist sie um 17 % geschrumpft. Um möglichst viele Komfort-Features aufzunehmen, ist das neue System mit Automatikschaltungen und Rücktrittbremsen kompatibel.

Bosch setzt auf Alltag statt auf das nächste Wettrüsten
Obwohl kaum jemand damit gerechnet hat, treffen Boschs HubLine und die Neuerungen im urbanen E-Bike-Segment voll ins Schwarze. Bosch schließt eine lang bestehende Lücke und bietet Alltagsfahrern eine Möglichkeit, auch schlanke E-Bikes mit der Technologie von Bosch zu fahren.
Ob dies das Ende des Wettrüstens der Antriebshersteller ist, bleibt indes abzuwarten. Bosch sorgt inzwischen zunehmend mit Software-Updates für Schlagzeilen, die Bestandskunden zusätzliche Leistung oder neue Funktionen bringen. Trotz des Ausstiegs aus der Messe Eurobike präsentiert der Hersteller zwar zur gleichen Zeit seine Neuvorstellungen, viele Entwicklungen geschehen bei Bosch derzeit jedoch im Software-Bereich.
Auch dies unterstreicht das Qualitätsversprechen an Bestandskunden: Statt neuer Hardware sorgen viele Verbesserungen an der Software für mehr Leistung und zusätzliche, praktische Funktionen – ohne dass in ein neues System investiert werden muss.
Kann die HubLine auch günstige E-Bikes bedienen?
Ob sich die HubLine auch in einem unteren Preissegment durchsetzt, bleibt abzuwarten. Wahrscheinlich ist eher, dass Bosch urbane E-Bikes mit Premium-Qualität bedient, wie zum Beispiel das Premium-Faltrad Vello VIA+, das als eines der ersten E-Bikes den neuen Heckantrieb verpasst bekommt.
Günstige und attraktive Urban-E-Bikes wie das Fiido C21 (derzeit 949 Euro) oder das Tenways CGO600 (derzeit 1.099 Euro) werden wohl weiterhin auf günstige Motorenhersteller wie Mivice setzen. Diese sind zwar zuverlässig und leistungsstark, aber auf Seiten der Software schwächer ausgestattet.
Immerhin eröffnet Bosch den Herstellern weitere Möglichkeiten in einem mittleren Preissegment. Tenways hat schließlich erst kürzlich mit dem Modell AGO Performance sein erstes E-Bike mit einem Premium-Motor von Bosch vorgestellt.













