Der Fahrrad-Riese hinter Haibike, Ghost und Winora steckt tief in der Krise. Die Accell Group hat für ihre Holding und mehrere niederländische Tochtergesellschaften einen gerichtlichen Zahlungsaufschub erhalten. Der Konzern kann seine fälligen Rechnungen nicht mehr bezahlen. Für viele Besitzer klingt das nach dem Aus. Ganz so weit ist es aber noch nicht.
Zahlungsaufschub ist noch keine Pleite
Was Accell am 5. August bekannt gegeben hat, heißt im niederländischen Recht „surseance van betaling“, also Zahlungsaufschub. Ein Gericht gibt einem Unternehmen damit Zeit, wenn es seine Schulden vorübergehend nicht bedienen kann. Das gehört zwar ins Insolvenzrecht, ist aber ausdrücklich nicht dasselbe wie eine beschlossene Liquidation oder ein Konkurs. Der Geschäftsbetrieb wird nicht sofort eingestellt.
Das Gericht setzt einen Verwalter ein, einen Bewindvoerder, der die Finanzen zusammen mit der Firmenleitung führt. Danach fällt eine weitere Entscheidung, bei der auch die Gläubiger mitreden. Accell selbst sagt, man wolle tragfähige Geschäftsbereiche und möglichst viele Arbeitsplätze erhalten. Es ist also der Versuch, unter gerichtlichem Schutz eine Rettung zu finden, kein Schlussstrich.
Vom Boom in die Krise
Neu ist die Schieflage nicht, und Accell steht damit nicht allein. Die ganze Fahrradbranche kämpft mit den Nachwehen des Corona-Booms. Der Finanzinvestor KKR hatte Accell 2022 auf dem Höhepunkt dieses Booms für rund 1,56 Milliarden Euro übernommen und von der Börse genommen. Kurz darauf drehte der Markt. Aus monatelangen Lieferengpässen wurde ein Überangebot, die Lager quollen über, die Nachfrage brach ein. Wer verkaufen wollte, musste hohe Rabatte gewähren.
Accell versuchte sich aus dieser Situation mehrfach zu befreien. 2024 drückte der Konzern seinen Schuldenberg von rund 1,4 Milliarden auf etwa 800 Millionen Euro und holte sich frische Liquidität. Anfang 2026 folgte eine weitere Finanzierungsrunde, dabei stieg KKR aus und übergab die Firma seinen vorrangigen Kreditgebern. Schon damals hieß es, das sei keine Lösung für die Ewigkeit.
Warum die letzte Rettung platzte
Die letzte Hoffnung war anschließend ein geplanter Verkauf an das Unternehmen DuTech aus Singapur. Das Bundeskartellamt hatte den Deal am 8. Juli sogar schon freigegeben, weitere Länder ebenfalls. Stattgefunden hat er trotzdem nicht. In der aktuellen Mitteilung taucht DuTech gar nicht mehr auf.
Accell teilt nur mit, Gespräche mit mehreren Interessenten und verschiedene Angebote hätten zu keiner tragfähigen Lösung geführt. Warum der Verkauf in letzter Minute scheiterte, ist derzeit nicht bekannt.
Was das für Kunden von Ghost, Haibike & Co. bedeutet
Welche Folgen das für Besitzer und Käufer der verschiedenen Marken unter der Accell Group hat, ist aktuell noch nicht abzuschätzen. Was Auslieferungen, Händlerbelieferung, Kundenservice, Garantie und Ersatzteile betrifft, gibt es derzeit keine Aussage.
Wer gerade ein Fahrrad der Accell-Marken gekauft hat oder kaufen möchte, kann im Moment leider nur schwer abschätzen, wie es weitergeht. Neben den ganz großen, bereits genannten Marken umfasst die Gruppe unter anderem auch die Hersteller Batavus, Koga, Lapierre, Raleigh und Babboe sowie einige Zubehör- und Ersatzteilfirmen.
Grundsätzlich gilt: Die gesetzliche Gewährleistung für ein neu gekauftes Rad liegt beim Händler, nicht beim Hersteller. Solange der Händler geöffnet hat, bleibt dieser Anspruch bestehen. Wackeliger dagegen ist die freiwillige Herstellergarantie, etwa auf den Rahmen, weil die mit dem Konzern gekoppelt ist. Auch bei Ersatzteilen für speziell verbaute Komponenten könnte die Verfügbarkeit eingeschränkt sein.
Wie es weitergeht
Der nächste Schritt liegt beim Gericht und den Gläubigern. Sie entscheiden, ob aus dem vorläufigen Aufschub eine echte Sanierung wird oder drastischere Maßnahmen folgen. Für die deutschen Traditionsmarken ist die Lage ernst, Ghost hatte die Produktion hierzulande ohnehin schon aufgegeben. Wer ein betroffenes Rad besitzt, muss jetzt nichts überstürzen. Wer eins kaufen will, sollte den Preis gegen die offenen Fragen bei Garantie und Ersatzteilen abwägen und beim Händler nachhaken, wie der die Lage einschätzt.












