Das Amflow TL Carbon ist wahrscheinlich das meistdiskutierte E-Bike des Jahres. Das liegt nicht nur daran, dass es als voll ausgestattetes SUV im Alltag, auf Tour und sogar auf einfachen Trails funktionieren will. Vor allem der Preis dürfte einigen Herstellern aus der deutschen Fahrradindustrie Schweißperlen auf die Stirn treiben. Für 3.499 Euro verbaut Amflow einen Carbonrahmen, ein FOX-Fahrwerk, einen 800-Wh-Akku, eine elektronische Schaltung und den Avinox M2 mit bis zu 125 Nm Drehmoment. Ich bin das TL Carbon vier Wochen gefahren. Das Fazit dazu fällt ziemlich eindeutig aus.
Amflow TL Carbon: Premium-E-Bike zum Kampfpreis
Schon beim Aufbau hatte ich einen Gedanken, der sich im Testverlauf immer weiter verfestigt hat: spätestens mit diesem Bike haben E-Bikes aus Deutschland ein Problem. Das klingt hart und es gibt weiterhin gute Gründe, sich für ein Rad vom Fachhändler vor Ort zu entscheiden. Gemessen am Gesamtpaket setzt das Amflow TL Carbon mit seiner UVP von 3.499 Euro aber eine neue Benchmark, die man nur noch schlecht ignorieren kann.
Der Ersteindruck gibt direkt ein gelungenes Bild ab: Der Carbonrahmen ist sauber verarbeitet, die Leitungen sind ordentlich integriert und auch kleine Details wirken durchdacht. Sogar eine Abdeckung für den offenen Akkuanschluss sowie Klettbänder für die Kabel des Ladegeräts liegen bei. Schutzbleche, Gepäckträger, Beleuchtung, Seitenständer und ein Flaschenhalter sind ebenfalls ab Werk dabei. Wer dieses Rad kauft, muss für Zubehör erstmal nicht in den nächsten Laden.
Wer übrigens generell auf ein besonders gutes Preis-Leistungsverhältnis steht, kann sich auch das Lankeleisi MG600 Pro anschauen. Mit Schutzblechen und Gepäckträger lässt sich ein ähnlich komfortables Alltags-SUV-Bike sogar für die Hälfte des Preises bauen. Es ist allerdings deutlich schwerer und insgesamt weniger hochwertig.
Beim Gewicht trickst Amflow weniger als zunächst gedacht
Amflow bewirbt das TL Carbon prominent mit einem Gewicht ab 22,6 kg für das komplette Rad. Gleichzeitig relativiert der Hersteller im Kleingedruckten, dass Schutzbleche, Beleuchtung, Pedale und Gepäckträger das Gewicht verändern können. Im FAQ findet man dann die richtigen Angaben: Der Hersteller nennt hier für das vollständig ausgestattete Rad 25,52 kg in S/M und 25,95 kg in L/XL.
Mein Testrad in der großen Konfiguration brachte mit kompletter Ausstattung 26,5 kg auf die Hängewaage. Die Messung liegt damit ziemlich genau dort, wo sie liegen sollte. Und ja, auch 26,5 kg sind für ein E-Bike mit dieser Ausstattung ziemlich leicht.

Nur zwei Rahmen – aber vier Größenbezeichnungen
Immerhin gibt es auch beim Amflow TL Carbon Hinweise darauf, wo der Rotstift zum Sparen angesetzt wurde. Denn die Auswahl der richtigen Rahmengröße kann für einige Grenzgänger weniger überzeugend sein. Amflow spricht zwar von S, M, L und XL, tatsächlich gibt es aber nur zwei verschiedene Rahmen: S/M und L/XL.
Die jeweilige Zuordnung und unterschiedliche Werte für Stack und Reach entstehen unter anderem durch unterschiedliche Vorbauten. Der zweite Vorbau für die andere Konfiguration lag bei meinem Testrad im Paket.

Die Philosophie funktioniert prinzipiell, ist auf der Website aber unnötig kompliziert dargestellt. Mit 1,80 Meter liege ich genau zwischen den Welten. Auf dem großen Rahmen finde ich zwar gut Platz, hätte mir aber eine echte Größe L statt einer angepassten L/XL-Lösung gewünscht. Wer zwischen zwei Größen liegt, sollte sich die Geometriedaten daher genauer ansehen.
Die Sitzposition selbst passt sehr gut zum Charakter des Bikes. Der Lenker hat ordentlich Rise, wodurch die Sitzposition komfortabel und wenig aggressiv ist. Zusammen mit der absenkbaren Sattelstütze und dem FOX-Fahrwerk ist das auf schlechten Wegen ausgesprochen entspannt.


Mit 200 kg Systemgewicht fast schon ein Lastenrad
Amflow vermarktet das Konzept als E-Bike für alles. Und das TL Carbon nimmt seinen SUV-Gedanken wirklich an allen Stellen ernst. Das zulässige Gesamtgewicht liegt bei 200 kg. Der serienmäßige MIK-HD-Gepäckträger trägt 27 kg, auf einen optionalen Frontträger dürfen weitere 20 kg.

Für einen kleinen Belastungstest habe ich rund 20 kg aus Konserven, Kleidung und einem Sack Hundefutter auf den Heckträger gepackt. Mit Fahrer, Rad und Gepäck lag das Systemgewicht damit bei etwa 125 kg. Bei vielen anderen Rädern wäre ich hier schon nah an der Belastungsgrenze.
Mit der Last am Heck wird das Bike zwar etwas unruhiger, nach kurzer Eingewöhnung fährt es sich aber weiterhin kontrolliert. Das hohe Systemgewicht macht das Amflow nicht zwangsläufig zu einem Longtail oder Lastenrad, für nahezu alle möglichen Alltagsanwendungen wie Großeinkauf, Bikepacking-Tour oder Anhängerbetrieb bietet es aber ungewöhnlich viele Reserven.
Avinox-Motor schiebt auch mit Beladung brutal an
Im TL Carbon arbeitet der Avinox M2 mit 250 W Nennleistung. Amflow nennt 110 Nm Nenndrehmoment sowie bis zu 125 Nm und 1.100 W in der Spitze. Die hohen Werte lesen sich beeindruckend, die großen Hersteller veranstalten hierbei aber immer noch ein Wettrüsten. Das Avinox Top-Modell schafft mittlerweile sogar bis zu 150 Nm.

In den niedrigen Unterstützungsstufen fährt sich das System trotzdem überraschend harmonisch. Die Sensorik reagiert extrem fein auf den Pedaldruck und der Motor schiebt nicht unkontrolliert nach. In den stärkeren Modi verschiebt sich der Charakter dann deutlich Richtung Rennmaschine.
Auch am Anstieg liefert das TL Carbon ab. An einem ziemlich steilen Stück beschleunigt das Rad im Turbo-Modus trotz 125 kg Systemgewicht ohne große Anstrengung. Und dabei war der Testberg so steil, dass das Vorderrad schon leichte Traktionsprobleme hatte.
Trotzdem will ich das TL Carbon nicht einfach nur als brachial übermotorisiertes E-Bike rüberbringen. Denn entscheidend ist, wie sauber das Avinox System die Leistung kontrolliert. Der M2 kann brutal schieben, lässt sich im Alltag aber ebenso unauffällig und dosiert fahren. Dazu sind auch die Motorkennwerte aller Stufen in der App einstellbar. Zudem lassen sich eigene Unterstützungsstufen anlegen. Auch der Anzeigebildschirm am Bike lässt sich individuell gestalten.


Elektronische Schaltung: Funktioniert auch im Stand
Die TRP Schaltung (eine Marke von Tektro) funktioniert elektronisch. Das ist nicht nur ein nettes Technik-Gimmick, sondern bringt im Alltag einen echten Vorteil. Denn das Avinox-System kann die Schaltvorgänge unterstützen und das Motordrehmoment kurz anpassen. Dadurch funktionieren Gangwechsel selbst unter höherer Last erstaunlich geschmeidig.

Noch praktischer ist SmoothShift: Das System bewegt die Kassette, sodass die eigentlich klassische Kettenschaltung auch im Stand einen anderen Gang einlegen kann. Wer an der Ampel im falschen Gang anhält, muss beim Anfahren beispielsweise nicht erst mit schwerer Übersetzung kämpfen. Im Test funktionierte das sehr zuverlässig und wurde schnell zu einer Funktion, die ich nicht mehr missen wollte.
Software zu Ende gedacht: Alarm und Apple-Tracking
Die Steuerzentrale sitzt mit einem dezenten Farbdisplay formschön im Oberrohr. Updates werden drahtlos eingespielt. Ein Feature, was mich gerade in der oft sperrigen E-Bike-Welt auch 2026 noch vor Begeisterung nahezu überwältigt: Ein Softwareupdate, das sich bei mir während der Fahrt direkt installieren ließ. Genau so sollte moderne E-Bike-Software funktionieren.
Zur Ausstattung gehören außerdem GPS-Track-Navigation, eine Alarmfunktion und Apple „Wo ist?“. Das Einbinden in die Apple-App war nach wenigen Klicks erledigt. Die Navigation funktioniert ebenfalls, ersetzt aber kein Google Maps: Eine GPX-Route muss zuvor beispielsweise über Komoot vorbereitet und übertragen werden. Für Touren ist das zum Beispiel interessant, für kurze Wege im Alltag eher nicht. Einstellungen dazu sind auch direkt am Display per Touch erreichbar.


Besonders gut gefällt mir die Alarmfunktion. Wird das abgestellte Rad bewegt, ertönt ein lautes, deutliches und ziemlich nerviges Signal. Zum Entsperren reicht das Smartphone oder eine sechsstellige PIN direkt am Display. Geht also der Alarm beim Rangieren in der Garage versehentlich los, muss man nicht erst das Handy aus der Tasche holen. Klingt nach einer Kleinigkeit, entscheidet aber bei der täglichen Nutzung darüber, ob eine Sicherheitsfunktion dauerhaft aktiviert bleibt oder schnell nur noch nervt, wie es bei einigen anderen meiner letzten Tests der Fall war.
Mit der hochwertigen Remote am Lenker lassen sich Beleuchtung, Fahrmodi und bestimmte Menüpunkte steuern. Die Frontleuchte bietet sogar eine Fern- und Abblendlichtfunktion.

Unverständlich bleibt für hier nur das Rücklicht: Es besitzt einen eigenen Akku und hängt nicht an der E-Bike-Batterie. Bei einem ansonsten so konsequent integrierten E-Bike hätte Amflow das sauberer lösen können.

800 – 1.280 Wh: Der Antrieb fordert Leistung
Der entnehmbare Akku fasst 800 Wh und sitzt hinter einer Abdeckung im Unterrohr. Er ist zusätzlich gesichert und besitzt zudem einen praktischen Tragegriff. Wer noch mehr Reichweite benötigt, kann einen 480-Wh-Range-Extender ergänzen und kommt damit auf insgesamt 1.280 Wh.

Auf einer 21 km langen Testfahrt sank die Anzeige von 95 auf 71 Prozent. Bei wechselnden Bedingungen hat sich das TL Carbon etwa 10,1 Wh pro Kilometer gegönnt. Das liegt durchaus in einem guten Mittelwert, zeigt aber, dass selbst der große Akku bei kräftiger Unterstützung nicht zaubern kann. Rechnerisch wäre damit bei maximal 80 km Schluss gewesen. Die Herstellerangabe von bis zu 172 km ist daher ein absoluter Idealwert und nicht das, was ich im Alltag erwarten würde.
Für normale Touren und Alltagsfahrten bei moderater Unterstützung sind 800 Wh trotzdem üppig. Der Range-Extender dürfte vor allem für lange Bikepacking-Touren oder Fahrer interessant sein, die regelmäßig mit viel Gewicht und hoher Unterstützung unterwegs sind.
Warum eigentlich nur 95 Prozent Ladestand? Auch hier liefert das TL Carbon softwareseitig ab. Ladegrenzen können zur Akkuschonung eingestellt werden, das Display zeigt außerdem die verbleibende Ladezeit an.

Fahrwerk komfortabel, Bremsen eher auf Alltag abgestimmt
Das FOX-Fahrwerk mit 120 mm Federweg vorne und 105 mm hinten passt sehr gut zum vielseitigen Anspruch. Richtig eingestellt schluckt es schlechte Wege souverän und macht das TL Carbon auch auf einfachen Trails brauchbar. Gleichzeitig bleibt das Rad im Alltag komfortabel und wirkt mit Gepäck nicht überfordert.


Die hydraulischen Tektro-Vierkolbenbremsen verzögern sicher, könnten für meinen Geschmack aber noch etwas performanter sein. Für Alltag und Tour fehlt nichts, wer das Rad allerdings regelmäßig etwas härter bewegt könnte sich womöglich einen knackigeren Druckpunkt wünschen. Das kann grundsätzlich jedoch auch an der eher alltagstauglichen Abstimmung durch die verbauten Beläge liegen – die 4-Kolben-Anlage selbst sollte eigentlich mehr hergeben.

Pro und Contra
| Pro | Contra |
|---|---|
| Konkurrenzlos starkes Gesamtpaket für 3.499 Euro | Nur zwei echte Rahmengrößen |
| Kräftiger, harmonisch abgestimmter Avinox-Motor | Rücklicht nicht am E-Bike-System |
| 800-Wh-Akku entnehmbar, auf 1.280 Wh erweiterbar | Navigation weniger spontan als Google Maps |
| 200 kg zulässiges Gesamtgewicht und 27-kg-Gepäckträger | Bremsen auf Alltag abgestimmt |
| Vollständige Alltagsausstattung ab Werk | 22,6-kg Angabe ist ein reiner Werbewert |
| Sehr gute Software, Alarm und Apple „Wo ist?“ | |
| SmoothShift ermöglicht Schalten im Stand |
Fazit zum Amflow TL Carbon Test
Ist das TL Carbon ein schnelles SUV-E-Bike, ein komfortables Alltagsrad, ein Trail-Bike oder beinahe schon ein Lastenrad? Die Grenzen verschwimmen. Es kann all diese Dinge nicht absolut perfekt, deckt aber viele davon richtig gut ab.
Der kräftige Motor funktioniert auch mit hoher Zuladung, das Fahrwerk bringt Komfort und Reserven, die Software ist weitgehend zu Ende gedacht und mit Schutzblechen, Gepäckträger, Licht und Seitenständer fehlt im Alltag fast nichts. Dazu kommen 200 kg zulässiges Gesamtgewicht und ein Preis, für den andere Hersteller teilweise nicht einmal ein vergleichbar ausgestattetes Alu-Hardtail anbieten.
Wirklich kritisieren lassen sich nach meinen Erfahrungen im Test nur die nur zwei echten Rahmengrößen, das separate Rücklicht und die für mich zu lasche Bremsabstimmung. Am insgesamt extrem positiven Gesamteindruck ändert das aber nur wenig.
Wer ein möglichst vielseitiges E-Bike sucht und für 3.499 Euro das größtmögliche Gesamtpaket bekommen möchte, findet derzeit nur schwer etwas Vergleichbares. Das Amflow TL Carbon ist keine perfekte eierlegende Wollmilchsau. Es kommt ihr aber verdammt nahe – und bekommt von mir eine klare Kaufempfehlung.








