Das höchste Windrad der Welt hat in Schipkau im September seine endgültige Höhe erreicht. Die Anlage kommt jetzt auf satte 365 Meter bis zur Rotorblattspitze. Überraschend klein wirkt dagegen die Turbine mit 3,8 MW. Trotzdem erwartet der Projektentwickler GICON etwa doppelt so viel Jahresertrag wie bei einer vergleichbaren Anlage auf konventioneller Höhe. Wie kann das sein?
GICON-Höhenwindrad: Warum die enorme Höhe mehr Strom bringen soll
Die 3,8 MW beschreiben die Nennleistung der Turbine. Wie viel Strom sie über ein Jahr erzeugt, hängt aber davon ab, wie oft der Wind diese Leistung ermöglicht. Nahe am Boden bremsen Bäume, Gebäude und die Geländeoberfläche die Luft. In 300 Metern Höhe ist dieser Einfluss geringer. Denn dort weht der Wind im Mittel stärker und gleichmäßiger. Die Anlage soll deshalb häufiger mit hoher Leistung laufen können.
Messungen am Standort stützen die Erwartung eines höheren Ertrags: Über ein Jahr lag die durchschnittliche Windgeschwindigkeit in 300 Metern Höhe bei 8,51 m/s, in 150 Metern dagegen nur bei 6,66 m/s. Oben wehte der Wind damit rund 28 % schneller.
Wie viel zusätzlichen Strom die Pilotanlage daraus gewinnt, hängt jedoch von ihrer Turbine ab und muss sich im Betrieb noch zeigen. Eine Modellrechnung auf Basis dieser Winddaten ergab für eine deutlich stärkere Turbine (Vestas V164 mit 9,5 MW) in 300 Metern Höhe 63,4 % mehr Bruttojahresertrag. Das belegt das Potenzial der Höhe, aber noch nicht GICONs Verdopplungsprognose für die 3,8-MW-Pilotanlage.
Um die Turbine auf diese Höhe zu bringen, verwendet GICON einen festen Außenturm und einen ausfahrbaren Innenturm. Maschinenhaus und Rotor wurden zunächst weiter unten montiert und anschließend gemeinsam angehoben. Die Konstruktion verlagert damit einen aufwendigen Teil der Montage in eine niedrigere Arbeitshöhe. Einen früheren Bauabschnitt zeigt das Video:
Rekordhöhe erreicht, Inbetriebnahme folgt
Mit dem letzten Hub am 28. September hat GICON den Innenturm in seiner endgültigen Position fixiert. Abschließende Arbeiten stehen noch aus. Die offizielle Inbetriebnahme kündigt das Unternehmen für November 2026 an. Erst im anschließenden Betrieb lässt sich messen, wie viel Strom die Anlage tatsächlich erzeugt und wie zuverlässig sie arbeitet.
Entscheidend ist, ob der zusätzliche Strom den höheren Aufwand für Bau, Wartung und Reparaturen ausgleicht. Der Bau wird durch die beventum GmbH finanziert, einer 100-Prozent-Tochter der Bundesagentur für Sprunginnovationen. Insgesamt beläuft sich die Finanzierung laut Bundesregierung auf 55 Millionen Euro, die Anlage selbst soll rund 25 Millionen Euro kosten. Als Forschungsanlage soll der Turm zunächst Erfahrungen liefern.
GICON sieht bereits Platz für bis zu 4.000 Höhenwindtürme in bestehenden deutschen Windparks. Die Idee dahinter: Höhere Rotoren könnten eine zusätzliche Luftschicht nutzen und so auf bereits erschlossenen Windparkflächen mehr Strom erzeugen. Der Bau in Schipkau muss nun zeigen, ob sich der zusätzliche Ertrag mit vertretbaren Bau- und Betriebskosten erreichen lässt – und somit zu einem wirtschaftlich tragfähigen Serienkonzept wird.








