Im November 2025 war Schluss für Sushi Bikes: Das von Joko Winterscheidt mitgegründete E-Bike-Startup meldete Insolvenz an. Anfang Februar 2026 hat die Wealth Collect Holding (WCH) die Marke direkt übernommen. Ein Einzelfall? Keineswegs. Sushi reiht sich in eine Serie von mindestens fünf großen E-Bike-Marken ein, die in den letzten zwei Jahren pleitegingen – und anschließend aufgekauft wurden. Wer steckt dahinter, was ist das Kalkül, und was bedeutet das für Kundinnen und Kunden?
Fünf Marken, fünf Übernahmen: Die Chronologie
Den Anfang machte 2022 der deutsche Traditionshersteller Prophete. Die über 110 Jahre alte Marke – bekannt unter anderem als Zulieferer für Aldi und Lidl – wurde nach der Insolvenz vom asiatischen Investor Dutech übernommen. Der Betrieb lief nahtlos weiter.
Im Juli 2023 folgte VanMoof, einst das Vorzeige-Startup der europäischen E-Bike-Szene. Die britische Lavoie Technology (mit Verbindungen zu McLaren Applied) kaufte die Reste und baute ein Netzwerk von über 120 Service-Partnern auf – übernahm aber keine laufenden Garantien der Bestandskunden.
2025 kam es dann Schlag auf Schlag: Der belgische Hersteller Cowboy wurde zu 80 Prozent von der ReBirth Group (Peugeot Cycles) übernommen – inklusive einer Finanzspritze von 15 Millionen Euro. Im Dezember 2025 wurde Rad Power Bikes, einst mit 1,65 Milliarden Dollar bewertet, für gerade einmal 13,2 Millionen Dollar an Life Electric Vehicles verkauft – ein Wertverlust von über 99 Prozent.
Hinter der Pleiteserie steckt ein gemeinsames Muster: Während der Corona-Pandemie 2020 und 2021 explodierten die E-Bike-Verkäufe – die Verkaufszahlen stiegen in manchen Märkten um über 240 Prozent. Startups wie Rad Power Bikes sammelten hunderte Millionen Dollar Wagniskapital ein und bestellten riesige Mengen bei asiatischen Zulieferern.
Als der Pandemie-Boom ab 2022 abflaut und gleichzeitig immer mehr chinesische Hersteller begannen, direkt an europäische Endkunden zu verkaufen, brachen die Umsätze ein. Rad Power Bikes etwa fiel von 130 auf 63 Millionen Dollar Jahresumsatz. Die Folge: volle Lager, leere Kassen – und am Ende die Insolvenz.

Schnäppchenjagd: Das wahre Ziel der Investoren
Doch warum kauft jemand eine insolvente E-Bike-Marke? Ganz einfach: weil es ein beliebtes Geschäftsmodell ist – und zwar ein lukratives. Die Käufer interessieren sich weniger für die Hardware als für das, was drumherum entstanden ist.
Erstens: Kundenzugang. Marken wie VanMoof oder Rad Power Bikes hatten hunderttausende registrierte Nutzer mit App-Accounts, Kaufhistorie und direkter Kundenbeziehung. Diese Daten sind Gold wert – insbesondere für den Verkauf von Zubehör, Ersatzteilen oder neuen Modellen.
Zweitens: Große Marke zum Spottpreis. Rad Power Bikes wechselt für 13 Millionen statt 1,65 Milliarden Dollar den Besitzer. Eine etablierte Marke mit Wiedererkennungswert für weniger als ein Prozent der einstigen Bewertung.
Drittens: Das Ersatzteil-Geschäft. E-Bikes brauchen regelmäßig neue Akkus, Bremsbeläge, Reifen und Software-Updates. Wer die Markenrechte hat, kontrolliert diesen langfristigen Cashflow.
Viertens: Vorteile durch Zusammenschlüsse. Die ReBirth Group, die Cowboy übernommen hat, rechnet allein durch gebündelte Einkaufsvolumina mit Einsparungen von zwei Millionen Euro pro Jahr. Das geht, weil innerhalb der Gruppe noch mehr Unternehmen aus der gleichen Sparte angegliedert sind.
Garantie futsch, Ersatzteile weg? Das droht dir bei einer Pleite
Für Kunden ist jedoch die entscheidende Frage: Was passiert mit meinem E-Bike, wenn der Hersteller Pleite geht? Die Antwort ist ernüchternd: Es kommt darauf an. Im besten Fall läuft es wie bei Prophete oder Sushi Bikes: Die Marke wird übernommen, der Betrieb geht weiter, Garantien werden bestätigt.
Im mittleren Szenario, wie beispielsweise bei VanMoof, gibt es zwar weiterhin Service und Ersatzteile. Bestehende Garantieansprüche bekommen Betroffene dagegen nicht mehr durchgesetzt. Im schlimmsten Fall stehen Kunden komplett ohne Support, Ersatzteile und Ansprechpartner da.
Lohnt sich der Kauf bei einer geretteten E-Bike-Marke?
Eine Marke, die nach einer Insolvenz weitergeführt wird, ist nicht automatisch wieder die alte. Entscheidend ist: Gibt es ein funktionierendes Service-Netz? Sind Ersatzteile – vor allem Akkus – langfristig verfügbar? Und wie steht es um die Philosophie der neuen Eigentümer? Geht es vielleicht nur um die schnelle Verwertung? Eins ist sicher: Die Konsolidierungswelle in der Branche ist noch nicht vorbei. Für Kunden bedeutet das: Vor dem Kauf genau hinschauen – nicht nur auf den Preis, sondern auch auf die Substanz dahinter.














