Ein vollgefedertes Premium-E-Bike für 6.999 Euro klingt nach Luxus. Dasselbe Rad für 3.332 Euro klingt dagegen fast nach einem Preisfehler. Genau so bietet Zweirad Stadler derzeit aber das Flyer G1 Goroc X 6.70 an: 3.667 Euro beziehungsweise 52 Prozent unter der angegebenen UVP. In Größe S ist es sogar noch billiger.
Das ist definitiv mehr als ein gewöhnlicher Saisonrabatt zum Saisonende und der ohnehin fallenden Preise. Der Preis liegt nur 833 Euro über dem Himiway A7 Pro, einem vollgefederten E-SUV aus chinesischem Direktvertrieb. Und das Flyer ist kein abgespecktes Einsteigerrad, sondern eher Oberklasse: Es bringt einen 750-Wh-Akku, 140 Millimeter Federweg, eine Shimano-XT-Linkglide-Schaltung und einen kräftigen Mittelmotor mit.
Flyer G1 Goroc X 6.70: Bei mehreren Händlern rund 50 Prozent günstiger
Stadler nennt für die beige 750-Wh-Version 6.999 Euro UVP und verlangt aktuell 3.332 Euro. Dabei handelt es sich noch nicht einmal um einen einzelnen Restposten, sondern innerhalb von vier bis acht Werktagen sind alle Größen lieferbar. Für das Bike in Größe S verlangt der Händler sogar nur 3.132 Euro.
Ein Einzelfall eines Händlers, der ungewöhnliche Restposten besonders aggressiv abverkauft? Nicht unbedingt, beim Flyer zeigt sich die Größenordnung nämlich auch anderswo: Bike Planet bietet eine Variante in Rahmengröße L ebenfalls für 3.399 Euro an. Das entspricht ebenfalls ziemlich genau 50 Prozent Rabatt.
Für diesen Preis bekommt ihr ein schweres, aber sehr komplett ausgestattetes SUV-Fully vom Premium-Hersteller. Stadler nennt rund 33 Kilogramm Gewicht und ein zulässiges Gesamtgewicht von 150 Kilogramm. Zum Paket gehören unter anderem Fox-Federelemente mit 140 Millimetern Federweg, Vierkolbenbremsen von Shimano, Vario-Sattelstütze, Licht, Schutzbleche, Gepäckträger, Ständer und sogar ein Abus-Faltschloss.

Das G1 Goroc X haben wir bereits bei seiner Vorstellung als vielseitiges Crossover-Modell eingeordnet. Für das neue Modelljahr steht allerdings das aktuelle G2 in den Startlöchern – und setzt mit dem Modellwechsel auf einen Bosch Performance Line CX. Genau dieser Generationswechsel könnte für den krassen Abverkaufspreis wichtig sein. Denn ein qualitativ schlechtes Fahrrad, das grundsätzlich keiner haben will, ist sicher nicht der Grund.
Auch ein Panasonic-SUV von Hercules wird verschleudert
Noch näher an Preisen von chinesischen Direktvertrieben liegt das Hercules NOS FS SUV 3.2 bei Stadler. Statt 4.499 Euro kostet das vollgefederte E-SUV aktuell 2.592 Euro. Das sind 1.907 Euro unter der UVP oder gut 42 Prozent Rabatt.

Das Hercules ist wie das Flyer mit einem Panasonic GX Ultimate Pro FIT mit 95 Newtonmetern ausgestattet. Dazu kommen ein 630-Wh-Akku, 130 Millimeter Federweg vorn, 120 Millimeter hinten, kräftige Shimano-MT420-Bremsen und eine vollständige Alltagsausstattung. Auch hier zeigt sich ein ähnliches Bild: Alle vier Rahmengrößen waren zum Zeitpunkt unserer Prüfung lieferbar.
Hier ist der Extremrabatt allerdings nicht so breit im Markt sichtbar wie beim Flyer. Zweirad Michalik führt dasselbe Modell weiterhin für 4.499 Euro. Stadlers Angebot ist daher ein bemerkenswerter Ausreißer – und kein allgemeiner Marktpreis für das Hercules.
Ist der Panasonic-Motor der Haken?
Beide stark reduzierten E-Bikes teilen sich denselben Antrieb. Deshalb liegt der Verdacht nahe, dass ausgerechnet der Panasonic-Motor die Räder zu Ladenhütern macht.
Technisch ist der Panasonic GX Ultimate Pro FIT aber kein schwacher Billigmotor. Flyer nennt 95 Newtonmeter Drehmoment bei 2,9 Kilogramm Gewicht. In einem unabhängigen Prüfstandstest von Velomotion gehörte der Antrieb noch 2022 zu den stärksten Motoren des Vergleichs. Die Tester lobten die hohe Leistung und das natürliche, gut dosierbare Fahrgefühl.
Es gibt aber einen echten Nachteil: Im damaligen Test verbrauchte der Panasonic auf der Ebene und am Berg mehr Energie als die Konkurrenz. Sein Ansprechverhalten lag zudem nicht ganz auf dem Niveau eines Bosch Performance Line CX oder Shimano EP8.
Der zweite Unterschied ist weniger technisch als praktisch: Bosch ist bei Händlern und Käufern erheblich bekannter, gilt als robust und langlebig und ist deshalb nach wie vor schlicht beliebter. Ein verbreitetes System kann bei Werkstattwissen, Ersatzteilen und späterem Wiederverkauf Vertrauen schaffen. Daraus lässt sich im Gegenzug allerdings nicht ableiten, dass Panasonic unzuverlässig wäre. Flyer nennt für die betroffenen Panasonic-Modelle ab Modelljahr 2021 sogar insgesamt fünf Jahre Garantie aus zweijähriger Garantie und dreijähriger freiwilliger Zusatzgarantie.
Warum sind die E-Bikes dann so billig?
Wahrscheinlich kommen hier mehrere Dinge zusammen. Das Flyer G1 ist eine ältere Generation, während der Nachfolger bereits mit Bosch-Antrieb verkauft wird. Händler müssen für neue Modelle Platz schaffen, und teure E-Bikes binden besonders viel Kapital. Dann kann ein hoher Rabatt wirtschaftlich sinnvoller sein als ein weiteres Jahr im Lager.
Dazu kommt die außergewöhnliche Marktlage der vergangenen Jahre. Der Branchenverband ZIV berichtete 2024 von 1,45 Millionen Fahrrädern und E-Bikes im Handel – ungefähr doppelt so viel wie in normalen Jahren. Die E-Bike-Nachfrage war dabei nicht zusammengebrochen: Von Januar bis April 2024 wurden 800.000 E-Bikes verkauft, nur 1,23 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.
Die hohen Bestände drückten trotzdem die Preise. Laut ZIV sanken die durchschnittlichen E-Bike-Verkaufspreise 2024 durch Rabattaktionen um 10,1 Prozent. Das muss nicht bedeuten, dass selbst Ende 2026 viele Händler noch volle Lager haben, erklärt aber, warum sich über mehrere Jahre zwangsläufig eine aggressive Abverkaufskultur entwickelt hat. Bei älteren Premium-Modellen fällt das dann besonders spektakulär aus.
Premiumware zum China-Preis – hält der Vergleich?
Als Preisbild funktioniert das durchaus. Das Himiway A7 Pro als Beispiel kostet im Direktvertrieb aktuell 2.499 Euro statt 2.999 Euro. Es bringt ebenfalls einen Mittelmotor, 720 Wh, Vollfederung, Licht, Schutzbleche und Gepäckträger mit. Das Hercules liegt damit nur 93 Euro darüber, das Flyer 833 Euro.

Die Räder sind trotzdem bei weitem nicht identisch und was Service und Entwicklung angeht auch nicht unbedingt vergleichbar. Das Himiway ist auf dem Papier zudem schlechter ausgestattet und setzt unter anderem auf eine Shimano-Alivio-Schaltung und MT200-Bremsen. Der Hersteller nennt dazu ein Gewicht von 35 Kilogramm ohne Akku. Das Flyer bietet das hochwertigere Fox-Fahrwerk, Shimano XT Linkglide und stärkere Bremsen. Zusätzlich gilt Flyer als schweizer Premiumhersteller. Auch das Hercules bietet grundsätzlich eine höherwertigere Ausstattung.
Das bedeutet nicht, dass das Himiway schlecht wäre. Im Gegenteil: In unserem Test überzeugte das A7 Pro mit Verarbeitung, Ausstattung und guten Fahreigenschaften. Der Vergleich zeigt vielmehr, wie ungewöhnlich die aktuellen Preise der klassischen Fahrradhändler sind und verdeutlichen das Schnäppchenpotenzial.
Für wen sich die reduzierten Premium-SUVs lohnen
Wer ohnehin ein vollgefedertes E-SUV sucht und eine passende Rahmengröße findet, bekommt bei diesen Angeboten unglaublich viel Fahrrad fürs Geld. Der Panasonic-Motor ist aufgrund seiner Eigenschaften kein Grund, grundsätzlich abzuraten. Beim Flyer ist vor allem der 750-Wh-Akku sinnvoll, weil er den höheren Verbrauch des Antriebs besser abfedert.
Vor dem Kauf solltet ihr trotzdem vor allem klären, welche Werkstatt in eurer Nähe Panasonic/FIT betreut. Eine Probefahrt bleibt bei 26 bis 33 Kilogramm schweren SUV-Fullys ebenfalls wichtiger als das Datenblatt. Ein vermeintlicher Ladenhüter könnte dann womöglich genau zum Gegenteil mutieren: ein hochwertiges E-Bike, dessen weniger populärer Antrieb und ältere Modellgeneration gleich mehrere Tausend Euro sparen kann.



